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"Wir hatten ein wunderbares Leben"

"Wir hatten ein wunderbares Leben"


# Allgemeines - St. Cäcilia
Veröffentlicht am Dienstag, 24. Januar 2023, 11:45 Uhr

Von Jens Steglich


Yaroslava Shymanska lebte in Kiew, als der Krieg begann und auch ihr Familienglück zerstörte

Michendorf. Sie möchte eines Morgens gern bei ihrem Mann in Kiew aufwachen und froh feststellen: Es war alles nur ein böser Traum. Der Alptraum aber ist nicht vorbei, auch wenn sie und ihre Kinder jetzt in Sicherheit sind. Yaroslava Shymanska und ihre Familie stehen am Morgen des 24. Februar 2022 wie immer auf, als das Undenkbare beginnt und ihr Familienglück zerstört. Und das vieler anderer Menschen in der Ukraine auch. „Mein Mann hat gerade das Frühstück vorbereitet“, erzählt die 41-Jährige. Sie bekommt einen Anruf von ihrer Mutter, die sagt: „Der Krieg hat begonnen.“

„Wir haben es erst nicht geglaubt“, sagt Yaroslava Shymanska. Die Mutter hatte es von einer Freundin erfahren, deren Sohn von Explosionen in Charkiw erzählte. Dann hören sie Explosionen am Flughafen in Kiew und die Lehrer schicken eine Nachricht: Die Schule fällt aus, die Kinder müssen zu Hause bleiben. Ihr Mann holt die Mutter ab, die Schwiegermutter ist bereits da und so ist die kleine Familie im 14. Stock des Kiewer Wohnhauses noch einmal vereint. „Wir haben zu Hause gewartet und nicht gewusst: Worauf warten wir?“, sagt sie und fügt doch hinzu: „Wir haben gewartet, dass im Fernsehen gesagt wird: Es ist jetzt alles wieder gut.“

Der Alptraum hört nicht auf: Die Kinder schlafen in Jacke und Schuhen, die Erwachsenen bleiben wach. Als um zwei Uhr nachts schwere Explosionen zu hören sind, laufen sie zu Fuß aus dem 14. Stock in die Tiefgarage. „Dort haben wir dann zehn Tage gelebt.“ Und am 1. März den 17. Geburtstag ihres Sohnes Vladyslav gefeiert. Es gibt ein Video vom Geburtstag in der Tiefgarage. Die Mutter klopft früh an das Auto, in dem Vladyslav schläft. Er macht die Tür auf, sie steht mit einem Geburtstagskuchen vor ihm und sie singen: „Happy Birthday to You...“ Alle versuchen tapfer zu sein, aber die Tränen sind nicht aufzuhalten – auch zehn Monate später nicht, als die Mutter das Video im Katholischen Gemeindezentrum in Michendorf zeigt. Die junge Ukrainerin ist mit Tochter, Sohn, Mutter und Schwiegermutter geflohen, in Michendorf haben sie Unterschlupf gefunden.

Vor der Flucht erleidet sie am zehnten Tag des Krieges in der Tiefgarage einen Nervenzusammenbruch, weil sie nicht mehr weiß, was sie tun kann. Ihr Mann trifft die Entscheidung, dass sie fliehen sollen. Vorher hatte eine Rakete das Haus einer Kollegin getroffen. „Es war so schlimm, sie anzurufen und niemand ist ans Telefon gegangen“, erzählt die Ukrainerin. Ihre Kollegin habe alles verloren, Splitter abbekommen, aber sie hat überlebt. „Sie konnte erst nicht aus der Wohnung heraus, weil die Druckwelle so stark war, dass alle Fenster und Türen blockiert waren“, erinnert sich die 41-Jährige. Bevor der Alptraum begann, haben sie es nicht geglaubt, als sie im Radio hörten: Es könnte Krieg geben. „Wir haben gedacht: Es ist das 21. Jahrhundert, das ist nur Informationskrieg“, sagt sie. Dann rollen die russischen Panzer ins Land, werden Städte bombardiert und das Leben, wie sie es kannten, ist vorbei.

Yaroslava Shymanska erzählt ihre Geschichte auch, weil sie daran erinnern will, was in der Ukraine geschieht, bevor sich die Menschen fern ihrer Heimat an das Grauen gewöhnen. „Wir hatten ein wunderbares Leben“, sagt sie. Ihr Mann ist Ingenieur, sie arbeitet als Immobilienmaklerin. Sie hat drei Uni-Abschlüsse mit Auszeichnung. Ihr Sohn steht kurz vor dem Abitur und will an der Technischen Universität in Kiew studieren. Der junge Mann ist ukrainischer Meister in Kudo, einer japanischen Kampfsportart. „Er sollte im Mai 2022 an der Weltmeisterschaft in Japan teilnehmen“, erzählt die Mutter. Die neunjährige Miroslawa trainiert Rhythmische Sportgymnastik. Die Familie reist in den Urlaub, etwa in die Türkei oder nach Griechenland. In Kiew sind sie mit Freunden oft in einen nahen Wald, der „Partisanenehre“ heißt. Ein Name aus dem Zweiten Weltkrieg, als ukrainische Partisanen in den Wäldern um Kiew gegen die Soldaten Hitler-Deutschlands kämpften. „Ein Teil ist heute Park, ein Teil ist Wald. Man kann dort auch grillen und Schaschlik machen“, sagt sie.

Dieses Leben gibt es nicht mehr. Die Familie flieht vor dem Krieg. „Die Züge sind voll und überall ist Militär. Ich dachte, wir sind in einem schlimmen Kinofilm gelandet.“ Kurz vor der Grenze zu Polen muss sich die 41-Jährige von ihrem Mann verabschieden und die Kinder vom Vater. „Ich habe den ganzen Weg geweint, weil ich dachte, ich sehe ihn nicht wieder“, sagt sie. Es bilden sich lange Schlangen: Zehn Stunden dauert der Grenzübertritt.

Am Ende führt sie der Zufall nach Michendorf – mit einer Familie, die sie in der Tiefgarage in Kiew kennengelernt hatten. In Michendorf werden sie mit ukrainischer Flagge begrüßt. Das Katholische Gemeindezentrum stand auf der Liste der Caritas und bot eine Notunterkunft an. Es sollte nur für eine Nacht sein, inzwischen sind sie zehn Monate dort. Ihr Sohn ging aufs Wolkenberg-Gymnasium, bereitet sich jetzt auf ein Studium an der Uni Potsdam vor und spielt Fußball bei den A-Junioren der SG Michendorf, weil es Kudo hier nicht gibt. „Das muss man in Deutschland korrigieren“, sagt die Mutter. Ihre Tochter, die in Wilhelmshorst die Schule besucht, fährt sie oft nach Berlin zur Rhythmischen Sportgymnastik.

Die Welt aber ist nicht wieder in Ordnung. Der Tag von Yaroslava Shymanska beginnt jeden Morgen mit einem Telefonat mit ihrem Mann in Kiew, der zu den Freiwilligen gehörte, die in Butscha nach dem Abzug der russischen Truppen tote Zivilisten geborgen haben. Die täglichen Nachrichten tun weh, sagt sie. Und auch die Kinder ahnen, dass es nicht schnell vorübergehen wird. „Miroslava hatte gedacht, wir fahren für ein paar Wochen weg und nach den Sommerferien geht sie wieder in Kiew mit ihren Freundinnen zur Schule.“ Die Neunjährige hat geweint, als sie erfuhr: Es geht nicht. Ihre Mutter, die gerade in einem Kurs Deutsch lernt, ist dankbar für die Hilfe in Michendorf. „Wir haben ganz viele Engel hier“, sagt sie. „Du bist der Engel“, sagt Imina Schopper vom Katholischen Gemeindezentrum und fügt hinzu: „Yaroslava ist eine tapfere, starke Frau.“ Was wünscht sie sich? „Ein Leben ohne Krieg.“ Alles andere werde sich finden.




Familie sucht Wohnung

Yaroslava Shymanska wohnt mit ihren beiden Kindern, mit Mutter und Schwiegermutter inzwischen seit zehn Monaten in einer Notunterkunft im Katholischen Gemeindezentrum in Michendorf.

Kontakt in die Heimat hält die Familie aktuell über Telefonate und WhatsApp. Mit ihrem Mann telefoniert Yaroslava Shymanska jeden Morgen. Manchmal scheitert der Kontakt in die Ukraine, weil dort Sendemasten nicht funktionieren oder der Strom gerade ausgefallen ist, sagt sie.

„Die Familie braucht eine Wohnung“, erklärt Imina Schopper vom Katholischen Gemeindezentrum in Michendorf.

„Die Räume der Kirchengemeinde waren nie echte Wohnräume mit Rückzugsmöglichkeiten, mit ausreichendem Platz, mit eigener Küche oder privatem Badezimmer“, sagt sie. „Und so wenden wir uns an die große Gemeinschaft der Gemeinde Michendorf: Vielleicht kennt jemand jemanden, der eine Mietwohnung anbieten kann.“


Märkische Allgemeine Zeitung am 24.01.2023